Pius

Pius,
 
Päpste:
 
 1) Pius I. (140-154/155 ?); nach dem Murator. Fragment ein Bruder des Hermas. Während seines Pontifikats wirkten in Rom der Theologe Marcion, der Philosoph Justin und der Gnostiker Valentin (* um 100, ✝ um 160). - Heiliger (Tag: 11. 7.).
 
 2) Pius II. (1458-64), früher Enea Sịlvio Piccolomini, latinisiert Aeneas Sịlvius, * Corsignano (heute Pienza) 18. 10. 1405, ✝ Ancona 14. 8. 1464, Onkel von 3); nach juristischen Studien 1432 Sekretär des Kardinals Domenico Capranica (* 1400, ✝ 1458) beim Basler Konzil (1431-49), wo er gegen Eugen IV. die konziliare Idee verfocht; 1439 Sekretär des Konzilspapstes Felix V. (1439). Als Kanzleisekretär König Friedrichs III. (ab 1442 in Wien) bewirkte er die Aufhebung der Neutralität der Kurfürsten, bereitete das Wiener Konkordat (1448) und 1451/52 Friedrichs III. Kaiserkrönung vor. Um 1445 wandelte sich Pius' persönliche und kirchenpolitische Einstellung; er empfing 1447 die Priesterweihe, wurde Gegner des Konziliarismus und Anhänger Eugens IV. 1447 wurde er Bischof von Triest, 1450 von Siena, 1456 Kardinal und am 19. 8. 1458 zum Papst gewählt. 1460 verbot er gegen den Papst gerichtete Appellationen an ein Konzil, 1463 verteidigte er in der »Retraktationsbulle« seinen Positionswandel. 1459 rief Pius auf dem Fürstenkongress von Mantua das Abendland zum gemeinsamen Kampf gegen die Türken auf, forderte 1461 Sultan Mehmed II. in einem Schreiben (einer »Widerlegung« des Koran und Darstellung der christlichen Glaubenslehre) auf, das Christentum anzunehmen und setzte sich 1464 an die Spitze des in Mantua beschlossenen Türkenkreuzzugs. Während der Sammlung des Heeres starb er jedoch, womit auch das Kreuzzugsunternehmen aufgegeben wurde.
 
Größten Einfluss übte Pius als begabter Redner und Schriftsteller aus. Er war Schüler F. Filelfos in Florenz; wurde in Deutschland zum eigentlichen Anreger und Förderer des Humanismus. Beim Reichstag in Frankfurt am Main 1442, an dem Pius als Gesandter Felix' V. teilnahm, krönte ihn Friedrich III. zum Dichter. Aus seinem literarisch vielfältigen Werk ragen die Liebeskomödie »Chrysis« (1444), die weit verbreitete Novelle von den zwei Liebenden »Euryalus et Lucretia« (1444) und die essayistischen Briefe über Bildungsfragen an habsburgische Fürsten (1443 und 1450) sowie die Kritik am Hofleben (»De curalium miseriis«, 1444) heraus. Neue Maßstäbe setzte er auch mit Geschichtswerken, die Biographie, Ethnographie, Geographie und Politik einbeziehen, z. B. mit der »Germania« (1457-58), der »Historia Austrialis« (Geschichte Österreichs, 1453-58 für Friedrich III.) und v. a. mit den »Commentarii rerum memorabilium« (13 Bücher, 1463), den Memoiren über sein Pontifikat.
 
Ausgaben: Opera quae extant omnia, 2 Bände (1551-71, Band 1 Nachdruck 1967); Commentarii rerum memorabilium que temporibus suis contigerunt, herausgegeben von A. van Heck, 2 Bände (1984).
 
Die Geschichte Kaiser Friedrichs III., 2 Bände (1889-90).
 
 
Die dt. Lit. des MA. Verfasser-Lex., begr. v. W. Stammler, hg. v. K. Ruh u. a., Bd. 7 (21989).
 
 3) Pius III. (1503), früher Francesco de' Piccolomini Todeschini [todɛsk-], * Siena 1439, ✝ Rom 18. 10. 1503, Neffe von 2); wurde 1460 von seinem Onkel zum Erzbischof von Siena und zum Kardinal ernannt und war vorwiegend als Diplomat tätig. Pius war ein entschiedener Gegner des Nepotismus Alexanders VI., konnte jedoch als dessen Nachfolger seine Reformvorstellungen angesichts eines nur 26-tägigen Pontifikats nicht verwirklichen.
 
 4) Pius IV. (1559-65), früher Giovanni Angelo Medici ['meːditʃi], * Mailand 31. 3. 1499, ✝ Rom 9. 12. 1565; war u. a. Kommissar der päpstlichen Truppen gegen die Türken und im Schmalkaldischen Krieg, wurde 1545 Erzbischof von Ragusa, 1549 Kardinal. Als Papst vollzog der in der Renaissance verwurzelte Pius die Abkehr von der Kirchenpolitik seines Vorgängers Paul IV. und milderte dessen Reformdekrete, den Index und die Inquisition. Die Bedeutung seines Pontifikats liegt in der Wiedereinberufung und Beendigung des Konzils von Trient (1562-63) sowie in der Durchführung von dessen Beschlüssen. 1564 erließ Pius einen neuen Index sowie das Tridentinische Glaubensbekenntnis. Unterstützt wurde Pius durch seinen Neffen K. Borromäus.
 
 5) Pius V. (1566-72), früher Michele Ghislieri [gis-], * Bosco Marengo (bei Alessandria) 17. 1. 1504, ✝ Rom 1. 5. 1572; Dominikaner (seit 1518); wurde 1556 Bischof von Sutri und Nepi (Provinz Viterbo), 1557 Kardinal, 1558 Großinquisitor; seine Papstwahl wurde durch K. Borromäus unterstützt. Hauptanliegen des asketisch lebenden Pius war die katholische Reform nach den Beschlüssen des Konzils von Trient. Er gründete neue Kardinalskongregationen, drang auf Einhaltung der Reformdekrete und veröffentlichte 1566 den »Catechismus Romanus«, 1568 das »Breviarium Romanum« und 1570 das »Missale Romanum«. 1567 verurteilte er 76 Sätze des M. Bajus und erhob Thomas von Aquino zum Kirchenlehrer. Er war ein harter Verfechter der Inquisition und des Kampfes gegen die Hugenotten. Seine gegen die Juden gerichtete Bulle »Hebraeorum gens« (1569) hatte die Ausweisung der Juden aus dem Kirchenstaat (mit Ausnahme Roms und Anconas) zur Folge. Die Bannbulle gegen Elisabeth I. von England (1570) löste in England die Verfolgung der Katholiken aus. Pius' größter politischer Erfolg war der Seesieg der Heiligen Allianz über die Türken bei Lepanto (1571). - Heiliger (Tag: 30. 4.).
 
 6) Pius VI. (1775-99), früher Giovanni Angelo Brạschi [-ski], * Cesena 25. 12. 1717, ✝ Valence 29. 8. 1799; nach langer Tätigkeit in der Verwaltung des Kirchenstaates seit 1773 Kardinal. Sein Pontifikat war gekennzeichnet durch staatskirchlich motivierte Auseinandersetzungen. Pius bekämpfte Josephinismus, Jansenismus (Verurteilung der Synode von Pistoia) und Febronianismus und verurteilte die Emser Punktation (1786). In der Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution verurteilte Pius die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte - dabei ausdrücklich die Religionsfreiheit - und die Zivilverfassung des Klerus. Im Mai 1791 erfolgte der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Heiligen Stuhl; am 25. 2. 1798 wurde nach dem Einmarsch französischer Truppen in Rom die Römische Republik proklamiert und der Papst für abgesetzt erklärt und gegen seinen Willen nach Frankreich gebracht.
 
 7) Pius VII. (1800-23), früher Luigi Barnaba Chiaramọnti [kjara-], * Cesena 14. 8. 1742, ✝ Rom 20. 8. 1823; Benediktiner (seit 1758); wurde 1782 Bischof, 1785 Kardinal. Unterstützt durch E. Consalvi reorganisierte er den teilweise restituierten Kirchenstaat und erreichte durch Kompromissbereitschaft gegenüber den kirchenpolitischen Forderungen Napoleons I. (Konkordat von 1801) den Wiederaufbau der französischen Kirche. Nach der Kaiserkrönung in Paris (1804), an der Pius mitwirkte, verschärften sich die Spannungen zwischen ihm und Napoleon, der nach der Besetzung Roms (1808) den Kirchenstaat mit Frankreich vereinigte (1809; daraufhin von Pius exkommuniziert) und Pius gefangen setzte (Grenoble, Savona und Fontainebleau, 1809-14). Erst nach dem Sturz Napoleons konnte Pius zurückkehren. Hauptereignisse seines späteren Pontifikats waren die Wiederherstellung des Jesuitenordens (1814), die Rückgabe und Neubegründung des Kirchenstaates (Wiener Kongress 1815) sowie der Versuch einer Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse fast aller Länder Europas (u. a. Bayern 1817, Preußen 1821). Pius förderte wissenschaftliche und künstlerische Einrichtungen (besonders die Vatikanische Bibliothek) und die Mission.
 
 8) Pius VIII. (1829-30), früher Francesco Saverio Castiglioni [kastiʎ'ʎoːni], * Cingoli 20. 11. 1761, ✝ Rom 30. 11. 1830; wurde 1800 Bischof, 1816 Kardinal. In kirchenpolitischen Fragen gemäßigt, erkannte Pius nach der Julirevolution (1830) Louis Philippe als französischen König an, stand den nationalen Bewegungen in Belgien und Polen jedoch ablehnend gegenüber. Während seines Pontifikats kam es zur rechtlichen Gleichstellung der Katholiken in Großbritannien (Aufhebung der Testakte).
 
 9) Pius IX. (1846-78), früher Graf Giovanni Maria Mastai-Ferrẹtti, * Senigallia 13. 5. 1792, ✝ Rom 7. 2. 1878; wurde 1827 Erzbischof von Spoleto, 1832 Bischof von Imola, 1840 Kardinal, am 16. 6. 1846 zum Papst gewählt. Politisch war sein Pontifikat - das bisher längste in der Geschichte des Papsttums - geprägt von der Römischen Frage und dem Untergang des Kirchenstaates. Die anfängliche Reformbereitschaft Pius' wich nach der Revolution von 1848 und unter dem Druck der italienischen Einigungsbestrebungen (Risorgimento) einer restriktiven Regierung (maßgeblich bestimmt durch seinen Staatssekretär G. Antonelli). Kirchenpolitisch wurde das Pontifikat Pius durch den Ultramontanismus geprägt. 1854 dogmatisierte Pius die Unbefleckte Empfängnis Marias. Auf Empörung stieß in liberalen Kreisen die Veröffentlichung des Syllabus zusammen mit der Enzyklika »Quanta cura« (1864), einer Zusammenstellung der vermeintlichen Irrtümer der modernen Zeit in Politik, Kultur und Wissenschaft. Nicht weniger umstritten war die Verkündung des Dogmas von der päpstlichen Unfehlbarkeit 1870 auf dem 1. Vatikanischen Konzil, auf die die nichtkatholische Welt mit heftiger Kritik und Unverständnis und eine Minderheit der Katholiken mit Widerstand (Altkatholiken) reagierte. In den Auseinandersetzungen um die (Neu-)Bestimmung des Verhältnisses von Staat und katholischer Kirche im 1871 gegründeten Deutschen Reich war Pius der Hauptgegner Bismarcks in der ersten Phase des Kulturkampfs. Ungeachtet der auch in anderen Ländern von vielen gegenüber der katholischen Kirche vertretenen ablehnenden Haltung trugen der von Pius geförderte päpstliche Zentralismus (verbunden mit einer stärkeren emotionalen Bindung der Katholiken an Rom und den Heiligen Stuhl), die Errichtung neuer Bistümer (besonders in den angelsächsischen Ländern und den Kolonien), die Betonung gefühlsmäßiger Frömmigkeit, die Durchsetzung der Neuscholastik und die Verwerfung von aufklärerisch geprägten Theologien (Güntherianismus; A Günther) wesentlich dazu bei, dass nach dem steten Machtverfall der katholischen Kirche seit den Umwälzungen der Französischen Revolution weiten Teilen des Katholizismus ein neues Selbstbewusstsein erwuchs. - Am 3. 9. 2000 wurde Pius selig gesprochen.
 
 
P. Fernessole: Pie IX, pape, 1792-1878, 2 Bde. (Paris 1960-63);
 G. Martina: Pio IX., 2 Bde. (Rom 1974-86);
 R. Aubert: Il pontificato di Pio IX., 2 Bde. (a. d. Frz., Turin 21976);
 A. B. Hasler: P. IX. (1846-1878).
 
Päpstl. Unfehlbarkeit u. 1. Vatikan. Konzil. Dogmatisierung u. Durchsetzung einer Ideologie, 2 Bde. (1977);
 C. Weber: Kardinäle u. Prälaten in den letzten Jahrzehnten des Kirchenstaates. Elite-Rekrutierung, Karriere-Muster u. soziale Zusammensetzung der kurialen Führungsschicht zur Zeit P.' IX. 1846-1878, 2 Bde. (1978).
 
 10) Pius X. (1903-14), früher Giuseppe Sạrto, * Riese (bei Treviso) 2. 6. 1835, ✝ Rom 20. 8. 1914; wurde 1884 Bischof von Mantua, 1893 Patriarch von Venedig und Kardinal; gegen M. Rampolla zum Papst gewählt. Kirchenpolitisch wandte sich Pius vom Kurs seines Vorgängers Leo XIII. (Ralliement) ab, was u. a. zum Abbruch der politisch-diplomatischen Verbindungen mit Frankreich führte. Seine Ablehnung jeglicher demokratisch-parlamentarischen Tendenzen wurde deutlich in seiner Kritik am politischen Katholizismus, in der Verurteilung R. Murris und in der Parteinahme zugunsten der »Berliner Richtung« im deutschen Gewerkschaftsstreit. In der Theologie verurteilte Pius den Modernismus, womit innerkirchlich eine förmliche Hetzjagd ausgelöst wurde, der zahlreiche liberal- oder reformkatholische Theologen durch Indizierung oder Suspendierung zum Opfer fielen, darunter in Deutschland A. Ehrhard, H. Schell und Josef Schnitzer (* 1859, ✝ 1940). 1910 wurde der Antimodernisteneid vorgeschrieben. Kennzeichnend für das Pontifikat Pius' waren andererseits die Bemühungen dieses persönlich bescheidenen und tieffrommen »konservativen Reformpapstes« um die religiöse Hebung der Kirche (Neuorganisation der Kurie, Förderung des Bibelstudiums, Verbesserung der Priesterausbildung, Reform in Liturgie und Kirchenmusik, Beginn der Arbeiten am Codex Iuris Canonici). - 1954 sprach Pius XII. Pius heilig (Tag: 21. 8.).
 
Ausgabe: Lettere, herausgegeben von N. Vian (1954).
 
 
P. Fernessole: Pie X. Essai historique, 2 Bde. (Paris 1952-53);
 G. Dal-Gal: Der hl. Papst P. X. (a. d. Ital., Freiburg im Üechtland 21954);
 R. Merry del Val: P. X. Erinnerungen u. Eindrücke (a. d. Ital., Basel 41954);
 G. Parolin: San Pio X. (Mailand 1968);
 E. Weinzierl: P. X., in: Gestalten der Kirchengesch., hg. v. M. Greschat, Bd. 12 (1985).
 
 11) Pius XI. (1922-39), früher Achille Rạtti, * Desio 31. 5. 1857, ✝ Rom 10. 2. 1939; wurde 1882 Professor am Mailänder Priesterseminar, 1888 Bibliothekar an der Ambrosiana, 1907 an der Vatikanischen Bibliothek; war ab 1918 Apostolischer Visitator und Nuntius in Polen. 1921 wurde Pius Erzbischof von Mailand und Kardinal. Als Papst propagierte er die »Ausbreitung des Gottesreiches«, zu der die Katholische Aktion beitragen sollte, ebenso die Errichtung neuer Bistümer, die Förderung des einheimischen Klerus in den Missionsgebieten sowie die Lösung der Römischen Frage durch die Lateranverträge (1929). Während seines Pontifikats zahlreiche Konkordate (wesentlich konzipiert von seinen Staatssekretären P. Gasparri und E. Pacelli (Pius XII.). Umstritten ist bis heute das Reichskonkordat (1933), das einen großen Prestigegewinn für das nationalsozialistische Regime bedeutete. Mit der Enzyklika Mit brennender Sorge (1937) wandte sich Pius noch einmal den deutschen Verhältnissen zu und verurteilte die nationalsozialistische Lehre und Kirchenpolitik und die mit ihnen einhergehenden Konkordatsverletzungen. Im gleichen Jahr verurteilte er den Kommunismus in der Enzyklika Divini redemptoris. Zu grundlegenden Fragen der katholischen Soziallehre nahm Pius in der Enzyklika Quadragesimo anno (1931) Stellung.
 
 
M. Bierbaum: Das Papsttum. Leben u. Werk P.' XI. (1937);
 C. Confalonieri: P. XI., aus der Nähe gesehen (a. d. Ital., 1962);
 
Actes et documents du Saint-Siège relatifs à la seconde guerre mondiale, hg. v. P. Blet u. a., auf mehrere Bde. ber. (Rom 1965 ff.);
 
Der Notenwechsel zw. dem Hl. Stuhl u. der Dt. Reichsregierung, hg. v. D. Albrecht, 3 Bde. (1965-80);
 
Kath. Kirche im Dritten Reich, hg. v. D. Albrecht:(1976).
 
 12) Pius XII. (1939-58), früher Eugenio Pacelli [pa'tʃelli], * Rom 2. 3. 1876, ✝ Castel Gandolfo 9. 10. 1958; trat nach seiner Priesterweihe 1899 in den Dienst der Kurie; wurde 1917 Titularerzbischof und Nuntius für Bayern (bis 1925); 1920-29 Nuntius für das Deutsche Reich. 1929 wurde Pius Kardinal, 1930 Staatssekretär Pius' XI. Die zwischen 1924 und 1933 mit Deutschland abgeschlossenen Konkordate (Bayern, Preußen, Baden, Reichskonkordat) waren hauptsächlich sein Werk.
 
Die ersten Monate seines Pontifikats im Frühjahr 1939 standen unter dem Eindruck mehrerer vergeblichen Friedensinitiativen. Auch während des Krieges und in der Nachkriegszeit bemühte er sich um humanitäre Hilfsprogramme. Seit R. Hochhuths Zeitstück »Der Stellvertreter« (1963) ist sein Name mit der Frage verbunden, in welchem Umfang das päpstliche »Schweigen« gegenüber der nationalsozialistischen Judenverfolgung diese gefördert habe beziehungsweise ob ein massiver Protest seitens des Heiligen Stuhls den Völkermord an den europäischen Juden hätte verhindern können. Der über die Gräueltaten genau informierte Papst war der Überzeugung, dass ein Eingreifen seinerseits die Situation nur noch verschlimmert hätte, hat jedoch durch von ihm direkt initiierte geheime Hilfsaktionen (Asylgewährung im Vatikan und in kirchlichen Gebäuden Italiens) und seine weltweiten diplomatischen Möglichkeiten maßgeblich dazu beigetragen, dass Tausende Juden vor Deportation und Ermordung bewahrt werden konnten. Pius stand sowohl den Diktaturen in Deutschland und Italien wie auch in der Sowjetunion ablehnend gegenüber, deren Ideologien in ihm einen klaren und eindeutigen Kritiker fanden (u. a. die nationalsozialistische Rassenideologie), hielt zugleich jedoch - die päpstliche Fürsorgepflicht für die Gesamtkirche im Auge - an dem von seinen Vorgängern vorgezeichneten Grundsatz der strikten politischen Neutralität des Heiligen Stuhls fest. - Theologisch und kirchenpolitisch äußerte sich Pius zu fast allen grundsätzlichen Fragen der Kirche und der Gesellschaft; seine Enzykliken (z. B. Humani generis), seine Bemühungen um die Liturgie (Mediator Dei), die Dogmatisierung der Himmelfahrt Marias (1950) und die Heiligsprechung Pius' X. (1954) dokumentieren dabei, wie sehr Pius in der römischen Tradition verwurzelt war. In seiner Person erreichte der »absolutistische Pontifikatsstil« - seit 1944 regierte Pius ohne Staatssekretär - seinen Höhepunkt und sein Ende.
 
 
Kriegskorrespondenz zw. Präs. Roosevelt u. Papst P. XII., Einf. v. M. C. Taylor (a. d. Engl., 1947);
 D. Tardini: P. XII. (a. d. Ital., 31963);
 B. Schneider: P. XII. (1968);
 
Kath. Kirche im Dritten Reich, hg. v. D. Albrecht (1976);
 Konstantin Prinz von Bayern: Papst P. Ein Lebensbild (38.-42. Tsd. 1980);
 G. Schwaiger: P. XII., in: Gestalten der Kirchengesch., hg. v. M. Greschat, Bd. 12 (1985);
 P. Lapide: Rom u. die Juden (21997);
 G. Miccoli: I dilemmi e i silenzi di Pio. XII. Vaticano, Seconda guerra mondiale e Shoah (Mailand 2000);
 P. Plett: Papst P. XII. u. der Zweite Weltkrieg. Aus den Akten des Vatikans (a. d. Frz., 2000).

Universal-Lexikon. 2012.

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